Die Personalchefs und ihre Verantwortung für den Bologna-Prozess

Können sich so viele Personaler irren? Eigentlich nicht, aber bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses und der Suche nach Orientierung ist hierzulande ein HR-Manager nach dem anderen ganz offensichtlich in die falsche Richtung gelaufen.

Doch fangen wir von vorne an und fragen zunächst nach Gewinnern und Verlierern der Bologna-Reform. Schnell ist man mit der Antwort bei der Hand:

Zu den Verlierern zählen die deutschen Unternehmen, die mit ihrem Schrei nach jüngeren Hochschulabsolventen nunmehr genügend Bachelor bekämen, diese aber gar nicht mehr wollen. Verlierer ist auch das Lehrpersonal an den Universitäten, auf die ein deutlich höherer Arbeitsaufwand und verschulte Studiengänge zugekommen sind. Weitere Looser sind die Bachelor-Studierenden, die sich durch starre Modulpläne, ausufernde Prüfungsleistungen, gefrustete Professoren und unrealistische Workload-Annahmen durchhangeln müssen. Hauptleidtragende sind aber die fertigen Bachelor, die – um wettbewerbsfähig zu sein – zunehmend gezwungen sind, nun auch noch den Master draufzusatteln.

An erster Stelle der Bologna-Gewinner sind die international ausgerichteten Studierenden zu nennen. Ihnen hat Bologna den Weg ins Ausland deutlich erleichtert. Vorteile haben auch die ausländischen Studierenden in Deutschland. Ihre Zahl ist inzwischen auf über 300.000 angestiegen. Zu den Bologna-Gewinnern zählen auch die privaten Bildungsinstitute. Sie konnten ihren Marktanteil auf sechs Prozent ausweiten. Größte Nutznießer und Reform-Gewinner sind schließlich die Akkreditierungsagenturen. Als außeruniversitäre Instanzen können sie der zweifelhaften Aufgabe nachgehen, einem möglichen Niveauverlust durch entsprechende Akkreditierungen vorzubeugen.

Und was ist mit den Personalchefs und ihren Mitarbeitern? Gehören sie zu den Gewinnern oder zu den Verlierern der Bologna-Reform? Nun, das ist eigentlich gar nicht so sehr die Frage. Sie sind nämlich nicht ganz unbeteiligt daran, ja vielleicht sogar mitverantwortlich dafür, dass Bologna in Deutschland bislang nicht das gewünschte Ergebnis gebracht hat. Warum?

Dazu müssen wir uns noch einmal die beiden Hauptziele der Hochschulreform vor Augen führen, nämlich die Schaffung eines europäischen Hochschulraumes und der deutlich frühere Berufseinstieg.  Beide Ziele und ganz besonders der frühere Berufseinstieg hatten die Personalabteilungen doch gar nicht interessiert. Als die beiden neuen Bezeichnungen (Bachelor und Master) „auf den Markt“ kamen, war für die diplomierten Personaler doch nur eines wichtig: Welcher ist der bessere Abschluss – Bachelor oder Master? Und es sprach sich sehr schnell herum, dass man anstatt eines jungen, verschulten Bachelors auch – ohne große Mehrkosten – einen erfahrenen Master bekommen konnte. Man brauchte nur ein „Upgrade“ der Stellen- und Anforderungsprofile in den Online-Jobbörsen vorzunehmen.

Das wäre sicherlich alles ohne große Wirkung geblieben, wenn nur einige wenige Personalreferenten so vorgegangen wären. Es waren aber nicht nur einige wenige, sondern die überwältigende Mehrheit alle Recruiter, die sehr schnell auf die neue Einstellungspolitik umgeschwenkt sind. Mit „Erfolg“, denn der fertige Bachelor spürte sehr bald, dass er in vielen Bereichen nicht mehr wettbewerbsfähig war.

Und das, obwohl für die weitaus meisten Akademikerberufe der Bachelor locker ausreichen würde. Das sind nämlich prinzipiell alle Berufe, in denen nicht geforscht wird. Die Unternehmen, nein, die verantwortlichen Personaler, wollen aber vollausgebildete Wissenschaftler für Tätigkeiten, für die man ohne Weiteres auch Studienabbrecher nach dem 4. Semester nehmen könnte. Manche sprechen daher beim Bachelor auch von einem „zertifiziertem Studienabbruch“.

So kam es, dass heute weit mehr als die Hälfte der Bachelor-Absolventen einen Master machen möchten, nein: machen müssen. Ursprünglich war gedacht, dass nur die besten 10 bis 20 Prozent der Bachelor-Absolventen auch ein Masterstudium absolvieren. Entsprechend fehlt es an ausreichend Masterstudienplätzen – gerade im universitären Bereich. Da bei weitem nicht jeder Bachelor-Absolvent einen Master-Platz bekommt, stehen viele nach dem ersten Abschluss vor einer akademischen Zwangspause. Und die kann neben akademischem Frust auch schnell zu existentiellen Problemen führen: Ohne Studienplatz verlieren die Ex-Studierenden ihren Bafög-Anspruch. Der Hiwi-Job fällt weg, ein deutlich höherer Beitrag für die Krankenversicherung muss selbst getragen werden.

Dies alles kennzeichnet eine Entwicklung, die man der Bologna-Reform an sich nicht ankreiden kann, an der aber die Personaler nicht ganz unschuldig sind.

(Zusätzliche Informationen finden Sie in „Die Personalmarketing-Gleichung. Einführung in das wert- und prozessorientierte Personalmanagement“, 2. Aufl., De Gruyter Oldenbourg, München 2014) sowie https://www.linkedin.com/pulse/verfehlte-hochschulpolitik-gewinner-und-verlierer-der-lippold?trk=mp-reader-card )

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