„Produzieren“ wir zu viele BWLer oder gar Abiturienten?

Noch nie war die Abbrecherquote an Deutschlands Hochschulen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften so hoch: Knapp jeder vierte Bachelor-Studierende dieser Fächergruppe verlässt die Hochschule ohne Abschluss. Der Studienabbruch an den Universitäten liegt mit 30 Prozent sogar noch höher. An den Fachhochschulen ist die Abbrecherquote dieser Studiengänge in den letzten zwei Jahren immerhin von 16 auf 21 Prozent gestiegen. Der größte Teil von ihnen konnte die Leistungsanforderungen nicht erfüllen. So das Ergebnis einer aktuellen Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Doch das ist nur die halbe Wahrheit: Ein Großteil derjenigen, die sich bis zu einem erfolgreichen Studienabschluss in den Wirtschaftswissenschaften durchbeißen, muss teilweise über 50 Bewerbungen schreiben, um überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Das heißt, neben eine hohe Abbrecherquote gesellt sich auch noch eine hohe Absagequote bei Bewerbungen. Gleichzeitig verbuchen wir Rekordzahlen bei den Studienanfängern. Was läuft hier schief? Oder noch deutlicher: „Produzieren“ wir unsere Akademiker in den Wirtschaftswissenschaften am Markt vorbei?

Die besagte Studie hat die Gründe der hohen Abbrecherquote ermittelt und ist der Frage nachgegangen, welche Studierenden besonders betroffen sind. Danach ist die Abbrecherquote neben den Leistungsproblemen auf mangelnde Motivation und den Wunsch nach mehr „praktischer Tätigkeit“ zurückzuführen. Studierende mit Migrationshintergrund und solche, die aus Nicht-Akademikerhaushalten kommen, brechen ihr Studium der Studie zufolge überdurchschnittlich häufig ab.

Kommen wir nun zu der hohen Absagequote bei Bewerbungen. Junge Akademiker – besonders in wirtschaftswissenschaftlichen Gebieten – müssen häufig unzählige Bewerbungen schreiben, um überhaupt die Chance zu einem Vorstellungsgespräch zu bekommen. Aufgrund der Vielzahl von Bewerbungen, die heute auf den Tischen der Recruiter landen, schalten Unternehmen inzwischen Beratungsfirmen ein, die sich auf Employer Branding spezialisiert haben und ihren Kunden versprechen, deren Arbeitgeberprofil so zu schärfen, dass künftig auf eine offene Stelle nicht mehr 200, sondern nur noch 100 Bewerber kommen. Und wenn unsere Jungakademiker schließlich – oftmals nach monatelanger Suche – einen Job gefunden haben, dann müssen sie in vielen Fällen Sachbearbeiteraufgaben übernehmen, für die früher ein ausgebildeter Industriekaufmann zuständig war. So stellt sich im Nachhinein leider allzu häufig heraus, dass der Job weder Eignung noch Neigung entsprach. Die vielen tausend MBA-Studierenden, die berufsbegleitend, also nach Feierabend ihre Freizeit opfern, um sich „employable“ (beschäftigungsfähig) für eine neue Bewerbung zu machen, sind ein Beleg für die unzähligen unzufriedenen akademischen Berufsanfänger im betriebswirtschaftlichen Bereich.

„Der Boom bei den Studentenzahlen geht zulasten der dualen Berufsausbildung. Wir leiden an einer Über­akademisierung“, so der DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Innerhalb von nur sechs Jahren ist der Anteil der Studienanfänger in Deutschland von 36 auf 58 Prozent gestiegen. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, geht noch einen Schritt weiter, in dem er feststellt, dass die Bologna-Reform mit ihrer „unbedingten Forderung nach ‚Beschäftigungsfähigkeit‘ der Hochschulabsolventen (…) eine fast vollständige Transformation des universitären Auftrags nach sich gezogen (hat): weg von der ‚allgemeinen Menschenbildung durch Wissenschaft‘, hin zur Berufsausbildung.“

Hinzufügen möchte man in diesem Zusammenhang, dass der Bologna-Prozess mit seinen niedrigen Eintrittsschranken für eine Vielzahl von Bachelor-Studiengängen dazu geführt hat, dass sich auch eine vollständige Transformation weg von den handwerklichen, hin zu den akademischen Berufen vollzogen hat.  Wenn 18 Prozent der Abbrecher während ihres Uni- Studiums feststellen, dass sie nicht weiter über Texten brüten, sondern lieber „eine praktische Tätigkeit“ ausüben wollen, dann spricht dies sicherlich eine deutliche Sprache über den fehlgeleiteten Bedarf technisch und gewerblich orientierter Lehrberufe.

Handwerksbetriebe und technisch ausgerichtete Klein- und Mittelunternehmen suchen händeringend nach praktisch ausgebildeten Nachwuchskräften – Groß- und Mittelunternehmen können sich dagegen der Bewerberflut in kaufmännischen Bereichen kaum erwehren. Es ist schon absurd, wenn sich diejenigen jungen Menschen mit der vermeintlich höheren Ausbildungsstufe auf dem Arbeitsmarkt hinten anstellen müssen, wo hingegen praktisch ausgebildete Fachkräfte mit Kusshand genommen werden.

Sicherlich muss man den „Akademikerwahn“ ein wenig relativieren, denn Hochschulabsolventen der so genannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) fehlen uns allenthalben. Aber die Bologna-Reform hat innerhalb weniger Jahre eine enorme Vielfalt an Bachelor- und Masterstudiengängen hervorgebracht, die allein in der wirtschaftswissenschaftlichen Fächergruppe zu einem ausdifferenzierten Angebot von über 2.500 (!) Studiengängen geführt hat. Da ein solches Angebot bedient werden will, legt es die Vermutung nahe, dass damit ein ernstzunehmender Teil der jungen Menschen den praktischen Berufen entzogen wird, nur um dem akademischen Trend zu folgen.

In Deutschland prägt das gewählte Uni-Fach in sehr starkem Maße den späteren Berufsweg. In anderen Ländern dagegen wird der Hochschulabschluss eher als grundsätzlicher Bildungsnachweis gesehen, so dass man für viele Jobs qualifiziert ist – auch für Jobs, für die man in Deutschland abgelehnt werden würde, da man ja das „Falsche“ studiert hat. Dieses Phänomen hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass die Studiengänge noch viel weiter (unnötig) ausdifferenziert wurden, in der Hoffnung, dass man dann für einen bestimmten Job auch genau das richtige studiert hat. So ist das Studium am Ende doch wieder eine Berufsausbildung und keine „allgemeine Menschenbildung durch Wissenschaft“.

Fazit: „Investitionen in Bildung und Ausbildung“ hat jede unserer demokratischen Parteien vor der anstehenden Bundestagswahl zu ihrem Credo ausgerufen. Bildung und Ausbildung ja – aber bitte in die richtige Richtung. Sicherlich kann man den Anbietern dieser kaum mehr zu überschauenden Derivate an BWL-Studiengängen keinen Vorwurf machen, so lange die entsprechende Nachfrage vorhanden ist. Vielleicht ist es aber an der Zeit, die Beliebigkeit und Ubiquität des BWL-Studiums in Zusammenhang mit den schlechten Berufschancen viel deutlicher zu kommunizieren. Vielleicht müssen wir aber auch schon viel früher ansetzen und uns fragen, ob wir nicht bereits zu viele Abiturienten „produzieren“. Die Erwartungshaltung der Eltern und die (häufig trügerische) Hoffnung, mit einem Uni-Abschluss mehr zu verdienen als in einem praktischen Beruf, spielen hier eine nicht unerhebliche Rolle.

Hier der Link zur DZHW-Studie (Juni 2017):

http://www.dzhw.eu/pdf/pub_fh/fh-201701.pdf

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