Quo vadis Wirtschaftsprüferbranche: Auf dem Weg zur Zwei- oder zur Dreiklassengesellschaft?

Innerhalb von nur zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl der großen internationalen Auditfirmen von acht auf vier halbiert. Besser gesagt, die Branchenkonzentration wurde soweit auf die Spitze getrieben, dass nunmehr keine weiteren Fusionen, Merger, Takeover oder Reverse Takeover unter den großen internationalen Prüfungsgesellschaften möglich sind. Der „Fusionswahn“ der Wirtschaftsprüfer ist so weit gegangen ist, dass man im internalen Bereich nur noch von einem „doppelten Duopol“ der Big-Four sprechen kann. Das alles hat dazu geführt, dass der Marktanteil der großen Vier bei der Prüfung börsenrelevanter Unternehmen in der EU mehr als 85 Prozent beträgt. Bei den 30 DAX-Unternehmen beträgt ihr prüfungsbezogener Marktanteil sogar 100 Prozent. Damit wurde auch der Beginn einer Zweiklassengesellschaft in der Prüfungsbranche eingeleitet: Die Big-Four einerseits und der große Rest andererseits. Wie konnte das geschehen? Welche Auswirkungen sind zu erwarten?

Für die Entstehung der großen internationalen Prüfkonzerne gibt es eine Reihe von Gründen. So sind sie konsequenter als andere der Globalisierung ihrer Mandanten gefolgt, in dem sie in allen wichtigen Ländern der Erde eigene Prüforganisationen errichteten oder mit einer dort ansässigen Auditfirma fusionierten. Die dadurch erzielten Größenvorteile führen zu Kosten- und Preisvorteilen, die sie weitergeben können. Durch diese Economies of scale können sich die Prüfkonzerne zudem wesentlich höhere Investitionen in eine moderne IT-Unterstützung der Prüfung und ein Outsourcing von Serviceaktivitäten in ausländische Servicezentren leisten. Die Größenvorteile ermöglichen darüber hinaus den Aufbau von Beratungskapazitäten, so dass dem Kundenwunsch nach Prüfung und Beratung aus einer Hand deutlich besser entsprochen werden kann. Schließlich sind auch nur die großen Auditfirmen aufgrund ihrer personellen Stärke in der Lage, die Prüfung der großen Konzerne zu schultern. Immerhin bindet die Abschlussprüfung eines DAX-Konzerns in der Schlussphase mehrere Hundert Prüfer.

Man braucht kein Prophet zu sein, um die die weitere Entwicklung der Prüferbranche vorherzusagen. Die Prüfkonzerne wollen und werden um jeden Preis weiter wachsen. Obwohl die Wachstumspotenziale nicht mehr im angestammten Prüfbereich liegen, hat der Kampf um die „Blue Chips“ der deutschen Wirtschaft an Intensität eher zu- als abgenommen. Keiner will diese „Leuchtturmmandate“ verlieren, sie sind gut fürs Image, und sie bringen weitere Einnahmequellen – etwa bei der Beratung. Denn der Gewinn dieser Prüfungsmandate sichert nicht nur eine jahrelange Auslastung, sondern bietet überdies ideale Chancen für zusätzliche, prüfungsnahe Beratungsaufgaben. Wer gut prüft, den verpflichten die Unternehmen auch gern als Berater (Stichwort: Prüfung und Beratung aus einer Hand). Die DAX-Mandate sind also Türöffner für weitere attraktive Beratungsprojekte. So sind die Tagessätze für Organisations- oder Prozessberatung zum Teil doppelt so hoch wie die für reine Prüfungsarbeiten. Ein Viertel ihrer Gesamthonorare zahlen die führenden Konzerne schon jetzt für Beratungsleistungen am Rande der eigentlichen Abschlussprüfung. Angesichts dieser Marktsituation ist es nicht verwunderlich, dass der Wirtschaftsprüfer immer stärker beratungsnahe Aktivitäten übernimmt. Diese Aktivitäten, zu denen beispielsweise die Beratung bei Unternehmenstransaktionen und Finanzierungen, die Einsatzberatung bei Systemen des Finanz- und Rechnungswesens (ERP-Software), die Gestaltung von Management- und Kontrollsystemen, Restrukturierungen sowie die Aufklärung wirtschaftskrimineller Sachverhalte zählen, werden als prüfungsnahe Beratung (engl. Advisory) bezeichnet. Mittlerweile nimmt diese prüfungsnahe Beratung einen Anteil von mehr als 30 Prozent am Gesamtumsatz der Big-Four ein.

Wachstumspotenziale liegen aber nicht nur im margenträchtigen Geschäft der Beratung, sondern auch in der Steuerberatung, weil die zunehmende Internationalisierung, die Suche nach neuen Standorten und der grenzüberschreitende Austausch von Mitarbeitern und Produkten zur Klärung komplizierter Steuerfragen – nicht nur bei Großunternehmen, sondern auch im Mittelstand – führt.

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Und was ist mit den Wirtschaftsprüfungsgesellschaften unterhalb der großen Vier?

Die größeren unter ihnen werden versuchen, Anschluss an die Marktspitze zu halten. Allerdings braucht zumindest der größere Mittelstand Prüfer, die neben der deutschen HGB-Rechnungslegung auch die internationale IFRS-Rechnungslegung beherrschen. Sollte es diesen Prüfungsgesellschaften gelingen, auf dem Gebiet der internationalen Rechnungslegung mit den großen vier der Branche mitzuhalten, so könnte sich aus der Zweiklassengesellschaft eine Dreiklassengesellschaft entwickeln. Wichtiges Hilfsmittel hierzu ist der Anschluss an ein internationales Netzwerk. Ohne Netzwerkbeteiligung hätten die Verfolger kaum eine Chance, wenigstens mittelständische Familienunternehmen auf ihrem Weg in die Internationalisierung zu begleiten. IFRS-Kenntnisse sind also ein existenzielles Merkmal. Verfügt man nicht über das entsprechende Know-how, so gerät man schnell aus dem Blickfeld auch der großen Familienunternehmen.

Kommen wir zur letzten Gruppe. Zu den Tausenden von Wirtschaftsprüfern, die in einer Einzelpraxis oder in einer kleinen Gemeinschaftspraxis arbeiten. Fast ein Drittel aller Wirtschaftsprüferpraxen hat wahrscheinlich noch nie einen gesetzlichen Jahresabschluss geprüft. Diese meist freiberuflich tätigen Wirtschaftsprüfer sind eher als Steuerberater und betriebswirtschaftliche Berater des kleinen Mittelstandes unterwegs. Diese Gruppe nimmt also quasi am Wettbewerb gar nicht teil. Alle Bemühungen der Europäischen Kommission, durch eine bessere Regulierung mehr Wettbewerb unter den Wirtschaftsprüfern zu schaffen, sind im Sande verlaufen. Auch das Mittel der Zwangsrotation wird hier nicht greifen. Im Gegenteil, von einem Rotationsregime werden vor allem die Großen profitieren. Die Chance der Kleinen liegt also einzig und allein in der Nische.

Siehe dazu auch Lippold: Die Unternehmensberatung. Von der strategischen Konzeption zur praktischen Umsetzung, 2. Aufl., Springer Gabler und http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/wirtschaftspruefer-die-branche-ist-zerstritten-12738583.html

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