Der Fluch des Algorithmus: Wie ein Konzern seine Kunden manipuliert

Heute melde ich mich mal in eigener Sache. Es geht um ein Buch, das ich 2019 geschrieben habe und das 2020 unter dem Titel „Die 75 wichtigsten Management- und Beratungstools. Von der BCG-Matrix zu den agilen Tools“ erschienen ist. Das Buch zählt mit mehreren Tausend Print-Exemplaren – das ist wohl recht viel für ein unbedeutendes Fachbuch – zu meinen erfolgreichsten Veröffentlichungen. Soweit so gut.

Nun bestellen wir ja – ob sinnvoll oder nicht – immer mehr Bücher über Amazon. So auch die „75 Tools“. Entsprechend gibt es dort auch einige Rezensionen, also Kritiken über das Buch zu lesen. Insgesamt sind es bis heute 68 Rezensionen mit einer durchschnittlichen Bewertung 4,3 (von 5). Und jetzt beginnt die Manipulation.

Wenn man sich nämlich die „Spitzenbewertungen aus Deutschland“ anschaut, so steht dort gleich zu Beginn eine Rezension von „lila“ mit nur einem Stern. Es ist das gute Recht von „lila“, meine „75 Tools“ als „alten Kaffee in neuem Bucheinband“ zu bezeichnen und das Buch nicht weiterzuempfehlen.

Es ist aber nicht das gute Recht der Weltfirma Amazon, diese Bewertung aus dem August 2020 grundsätzlich als erste Bewertung unter der Rubrik „Spitzenbewertungen aus Deutschland“ aufzuführen.

Hier steht also die Allmacht eines Weltkonzern der Ohnmacht der Plattform-Nutzer gegenüber. Warum?

Wir alle wissen, dass man sich bei einem möglichen Kauf nicht alle 68 Rezensionen ansehen wird. Wenn wir eine Suchanfrage bei Google starten, werden wir uns ja auch nicht die vielen Tausend (oder auch manchmal Millionen) Antworten anschauen, sondern nur die ersten 10 oder maximal 20 Suchergebnisse. Deshalb gibt es ja schließlich eine ganze Industrie, die mit Suchmaschinenoptimierung (SEO – Search Engine Optimization) ihr Geld verdient, nur um die Websites ihrer Kunden möglichst weit vorne in den „organischen“ Suchergebnissen zu platzieren.

Entsprechend geht es auch den Interessenten meines Buches. Sie werden nur drei oder vier Rezensionen lesen. Dabei ist dann jedes Mal „lila“ an erster Stelle. So ist es auch kein Wunder, dass 14 Interessenten die Lila-Rezension als nützlich einstuften. Alles potenzielle Kunden, die nun den Kauf sicherlich nicht mehr getätigt haben.

Auf meine Intervention bei Amazon, diese Rezension wenigstens ganz normal nach Datum einzureihen und von der Liste der deutschen Spitzenbewertungen zu nehmen, bekam ich die lapidare Antwort: „Das können wir nicht. Das macht der Algorithmus automatisch.“ Jetzt frage ich mich natürlich, was das für ein Algorithmus ist, der ironische Bewertungsreihenfolgen liebt.

Doch ganz im Ernst, es ist aus meiner Sicht weder fair noch verkaufsfördernd, wenn der Algorithmus solch einen Quatsch produziert. Im Gegenteil, die Macht des Konzerns ist so groß, dass er mit seinem Algorithmus in einen Wettbewerb eingreift und diesen verzehrt.  

Sicher, es handelt sich bei dieser Manipulation auf dem ersten Blick um keine große Sache. Niemand wurde verletzt und Autoren haben sicherlich schon ganz andere Dinge erlebt. Doch darum geht es auch gar nicht. Hier geht es vielmehr um die Allmacht eines Konzerns, der mit seinen Algorithmen Dinge auf gravierende Weise verfälscht, und es geht um die gleichzeitige  Ohnmacht der Nutzer solcher Plattformen.

Randnotiz: In nahezu jeder öffentlichen Kommunikation betont Amazon das Ziel, „das kundenfreundlichste Unternehmen der Welt zu werden“. Davon entfernt sich das Unternehmen mit solchen Algorithmen aber immer mehr. Aber vielleicht ist diese Zielsetzung ja auch nur ironisch gemeint …

Zu den „75 Tools“ und den Rezensionen geht es im Kommentar.

9 Kommentare

  1. Wer Macht hat braucht zwingend einen guten Charakter um aus dem sinnvollen Machtgebrauch („Macht stiftet Frieden“ nach Pauen) keinen Machtmissbrauch werden zu lassen.

    Ein schönes Beispiel für Wesensveränderungen durch Macht bietet „Herr der Ringe“. Sehen wir wunderbar in den Verhaltensweisen der aktuellen Politiker.

    Sinn, nein Sinn macht es für die Entwicklung aller Beteiligten keinen.

    Doch ist es eine Schwäche, die uns die Möglichkeit gibt zu zeigen wer wir wirklich sind. Ganz gleich in welchem Lebensbereich.

    Marion Thiel

  2. Als Beitrag habe ich für Sie im Anschluss eine positive Bewertung hinzugefügt, da mir Ihr Buch im Alltag sich als dienlich erweist und bedanke mich herzlichst hierfür.

  3. @lila
    Alter Kaffee?
    Selbst ein Fredmund Malik muss immer noch auf Tools wie Brainstorming zurückgreifen. Gemessen an der mentalen Kapazität mancher Kommentierer mit Sprachinkontinenz solle man Kommentare an Intelligenztests knüpfen.
    Wenn also jemand „TOOLS“ schreibt, zu Deutsch „Werkzeuge“, dann ist es eine geistige Fehlleistung anzunehmen, dass es sich um eine Reparaturanleitung handelt. Es wäre reine Zeitverschwendung die Prozessrelevanz solcher Tools zu erläutern, es wird nur von Leuten verstanden die SOLCHE Kommentare sicher nicht schreiben.
    Der Unwille aber … nicht nur von Amazon, ist im Schnitt auf eine soliden Mangel an Sachverstand zurückzuführen.
    Auch ich habe mir erlaubt, eine positive Bewertung abzugeben.
    Bedauerlich ist, dass solide Fachbücher wie dieses einfach nicht verstanden werden. Mit über 30 Jahren Erfahrung in dem Bereich weiß ich, dass allein schon die Auswahl des Verfahrens sehr viel Sachverstand benötigt, und ja, manche Dinge werden immer gleich bleiben, wie 7G und 7M, und wer nicht weiß was das ist, sollte sich jedes Kommentars enthalten.
    Sehr gute Arbeit, Dirk Lippold, ICH bin inspiriert!

  4. Der Algorithmus lässt sich einfach überwinden, wenn mehr Leser die Rezension von beispielsweise MR, oder eine andere positive Rezension, als „nützlich“ bewerten.

    Dies habe ich als Beitrag getan, da ich das Buch sehr schätze. Das hätte ich gerne in meinen Zeiten als Consultant schon zur Hand gehabt.

  5. Lieber Herr Lippold, Ihre Bücher unter anderem „Die 75 wichtigsten management- und beratungstools“ haben mich während meines gesamten Masterstudiums begleitet. Ich kenne mich zwar mit dem Algorithmus von Amazon nicht aus aber ich weiß, dass Ihre Fachbücher für viele Studenten, wie mich, die Unternehmensberatung studieren, ein „Must-have“ sind, auf die man immer wieder zurückgreift. Bei dieser Gelegenheit ist mir aufgefallen, dass ich für dieses Buch noch keine Bewertung hinterlassen habe, obwohl ich es auch über Amazon erworben hatte.
    Man tendiert leider oftmals dazu, den Großteil seiner Energie auf Probleme auszurichten, die behoben werden müssen, statt die positiven Dinge zu feiern. Eventuell leiden wir alle ein bisschen unter Negativitätsverzerrung und das möchte ich jetzt einigermaßen ändern, indem ich mir auch für das Positive die Zeit nehme! 😊

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