Hat sich die Haltung unserer Generationen Y und Z durch Corona verändert?

Diese Frage stellte mir neulich einer meiner Studierenden. Zunächst konnte ich mit dieser Frage so recht nichts anfangen. Auf Nachfrage teilte mir der Student mit, dass ich in meinen Vorlesungen und Büchern immer wieder darauf hinweise, dass die besagten Generationen im Wesentlichen alles kritisch hinterfragen, was nicht sinnstiftend ist. Dies scheine aber nun angesichts der Corona-Maßnahmen, -Berichterstattungen und -Testverfahren so nicht mehr zuzutreffen.

Haltung vor Corona

Zunächst einmal müssen wir uns fragen, welche Haltung (engl. mindset) den Generationen Y und Z bislang zugeschrieben wird: 

Angehörige der Generationen Y oder Z (auch Gen Y und Gen Z genannt) sind nach 1980 geboren, sehr technikaffin und mit Internet und mobiler Kommunikation aufgewachsen. Beide Generationen werden daher auch als Digital Natives bezeichnet. Diese Gruppe fühlt sich vergleichsweise freier und unabhängiger. Sie verehrt und bewundert machtbeflissene Vorgesetzte nicht und strebt vor allem nach Selbstwirksamkeit und Partizipation auf Augenhöhe. Ein Arbeitsethos, der auf Fleiß, Disziplin und Gehorsam basiert, wird tendenziell abgelehnt. Ziele und Aufgaben werden mehr nach Sinnhaftigkeit und persönlichem Lerninteresse beurteilt. Für Digital Natives ist es motivierend, berufliches Schaffen mit individuellem Lebenssinn zu verknüpfen. Oberste Maxime vieler Einzelner könnte sogar lauten: „Was ist mein Beitrag für die Welt?“

Haltung seit Corona

Hat sich diese Zuschreibung nun durch Corona geändert? Hätten wir denn wirklich erwartet, dass die Generationen Y und Z auf die Straße gehen, um gegen den Shutdown zu demonstrieren? Nein, das hat auch nichts mit Gehorsam oder Anpassung zu tun, sondern mit dem Verstand. Die Corona-Krise wird von den jungen Generationen nicht als Ergebnis eines staatlichen Kontrollverlustes wahrgenommen. Vielmehr wird staatliches Handeln zur Wiedererlangung von Kontrolle gegen die zerstörerischen Kräfte des Virus angesehen.

Gründe zur Opposition gäbe es genug

Und doch hätten die jungen Leute durchaus einigen Grund zu stärkerer Opposition gehabt. Nehmen wir nur die unsägliche Diskussion über die Schädlichkeit oder den Nutzen von Masken (jetzt Mund-Nase-Schutz), das Kommunikationsdilemma mit der Reproduktionszahl R oder das Desaster mit der Corona-Warn-App, bei der bis heute die wichtigsten Zielgruppen (rund sechs Millionen Menschen) ausgeschlossen bleiben.

Pragmatismus, Sachorientierung und Fachwissen

Nein, Corona hat die grundsätzliche kritische Haltung der jüngeren Leute aus meiner Sicht nicht verändert. Im Gegenteil, Veränderungen bzw. hochkritische Einstellungen gegen Corona-Maßnahmen habe ich nur bei der Bild-Zeitung mit ihrer Hetzkampagne gegen den Virologen Christian Drosten und bei den Verschwörungstheorien mancher Populisten wahrgenommen.

In Corona-Zeiten sind nicht länger Kulturkampf, Ideologie und Streit gefragt, sondern Pragmatismus, Sachorientierung und Fachwissen (Zeit Online). Und genau das bringen die jungen Leute im Ernstfall mit. Und genau deshalb mag ich die Generationen Y und Z.

Anmerkung: Die unten dargestellte Generationeneinteilung stammt zwar aus den USA, sie lässt sich aber durchaus auch auf den europäischen Kulturkreis übertragen. Allerdings hat die Einteilung den Nachteil, dass eine Homogenität innerhalb einer Generation vermittelt wird, die es so gar nicht gibt.

 

3 Kommentare

  1. Gegenthese: Fridays for Future (Ideologie, Fanatismus) Science for Future (s.o.). Pragmatiker gibt es in jeder Generation, sonst hätte die Menschheit nicht bis heute überlebt!

  2. Diese Einschätzung deckt sich weitestgehend mit meinen Beobachtungen. Der Hinweis auf die der Fridays-4-Future zugeordneten Gruppe kann das nicht widerlegen, ist aber interessant. Offen ist, ob diese wirklich repräsentativ für ihre Generation (und dann evt auch eine neue, sowas wie Z+) steht oder vielmehr eine Tendenz innerhalb des Trends zur Diversität der Strömungen … Sehr spannend allemal! Wir sollten das weiter beobachten!

    • Das sehe ich auch so. Vielleicht gibt es künftig ja auch mal Befragungen/Erhebungen, die nach dem demografischen Merkmal “Generationen” unterscheiden und deren Ergebnisse dann entsprechend mehr Transparenz liefern.

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