Keine “böse” Frage: Welche Existenzberechtigung hat eigentlich die Unternehmensberatung?

Eine beliebte Examensfrage zu meiner Zeit zielte auf die Ergründung der Existenzberechtigung des Handels (Groß- und Einzelhandel) ab. Warum gibt es den Handel überhaupt? Konkret ging es um die klassischen Handelsfunktionen, also um die Aufgaben, die den Handel unentbehrlich machten. Eine Frage übrigens, die uns heute – angesichts der Corona-Krise – besonders im Lebensmitteleinzelhandel, deren Mitarbeiter unser Leben aufrechthalten, deutlich vor Augen geführt wird.

Die richtige Antwort waren vier Funktionen, nämlich die Überbrückung qualitativer, quantitativer, räumlicher und zeitlicher Spannungen zwischen Produktion und Bedarf. Bei der Qualitätsfunktion geht es im Prinzip um die Sortimentsbildung des Handels. Die Quantitätsfunktion sorgt für den Ausgleich zwischen Herstellmengen und Verbrauchsmengen. Die Funktion des räumlichen Ausgleichs löst die Entfernung zwischen Produktions- und Einkaufsstätten auf. Die zeitliche Ausgleichsfunktion schließlich gleicht die entsprechenden zeitlichen Unterschiede zwischen Herstellung und Verbrauch – zum Beispiel durch Lagerhaltung – aus.

Warum stelle ich das so ausführlich dar? Weil ich heute einer ähnlichen Frage nachgehe, nämlich: Was ist eigentlich die Existenzberechtigung der Beratungsbranche?

Eine triviale Frage, meinen Sie? Aber woran lässt sich die Existenzberechtigung von Beratungsunternehmen eigentlich festmachen? Was können Berater, was die Kundenunternehmen nicht können? Welche Funktionen machen die Beratungsunternehmen wirklich unentbehrlich?

Ist es das besondere Know-how, das Expertenwissen der Berater, über das die Kundenunternehmen nicht oder nicht in der gewünschten Tiefe verfügen? Diese Wissenstransferfunktion dominiert in der Beraterliteratur und entspricht im Wesentlichen auch der Selbstbeschreibung der Branche. 

Oder geht es um abrufbare Beratungskapazitäten, die das Kundenunternehmen selbst nicht hat bzw. kurzfristig nicht wirtschaftlich aufbauen kann. Besonders die IT-nahen Beratungsunternehmen haben sich auf diese Kapazitätsausgleichsfunktion spezialisiert.

Ist es vielleicht die Prüfungsfunktion? Hiernach werden Berater zur Überprüfung von Annahmen, bei Auswahl- und Entscheidungsprozessen oder als Gutachter eingesetzt.

Oder ist es die Impulsfunktion? Unternehmensberater setzen sich frühzeitig mit einzel- und gesamtwirtschaftlichen Trends auseinander und geben so Impulse für Innovationen.

Die Politikfunktion spielt immer dann eine Rolle, wenn der Berater zur Unterstützung des Auftraggebers bei der Durchsetzung bereits feststehender Vorstellungen herangezogen wird.

Im Rahmen der Durchsetzungsfunktion wird der Berater zur aktiven Mobilisierung von Unterstützung und zur Konsensfindung bei noch nicht feststehenden Vorstellungen des Kunden eingesetzt.

Vielleicht ist es aber auch die Legitimationsfunktion. Hier werden insbesondere sehr namhafte Beratungshäuser beauftragt, um bestimmten Ideen oder Projekten ihren guten Ruf („rubber stamp“) bei der Durch- und Umsetzung zu verleihen.

Schließlich wird noch die Interpretationsfunktion genannt. Im Rahmen dieser Funktion bietet der Berater als Gesprächspartner („soundboard“) neue Interpretationsweisen an und hilft, die Aktionen des Managements zu reflektieren

Fragt man jetzt danach, welches denn nun die bedeutendste Beratungsfunktion ist, so gibt die neueste Statistik des Bundesverbandes deutscher Unternehmensberater BDU eine gewisse Auskunft darüber. Danach entfallen etwa 45 Prozent auf den Bereich Organisations- und Prozessberatung (korreliert sehr stark mit der Kapazitätsausgleichsfunktion) und knapp 25 Prozent auf Strategieberatung (korreliert mit der Wissenstransferfunktion). Es folgt mit 22 Prozent die IT-Beratung, die hauptsächlich der Prüfungs- und auch Durchsetzungsfunktion zugeordnet werden kann.

Und trotzdem: Ganz offensichtlich werden diese Funktionen nicht gleichermaßen in Industrie- und Dienstleistungsbereichen geschätzt, denn sonst wären viele Unternehmen nicht auf die Idee gekommen, eine eigene Inhouse Beratung zu gründen. Hilfreich wäre eine Umfrage, bei welchen der aufgeführten acht Beratungsfunktionen eher eine externe oder eher eine Inhouse Beratung präferiert wird.

Zur Vertiefung dieser Thematik siehe „Grundlagen der Unternehmensberatung“ hier.

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