Warum es eine Renaissance der Lehre geben sollte

Manchmal ertappe ich mich dabei, meinen beruflichen Weg – quasi in einer genugtuenden Rückschau – noch einmal gedanklich nachzuvollziehen. Ich stelle mir dann die Frage, an welchem Punkt die entscheidende Weichenstellung stattgefunden hat. Und jedes Mal komme ich zu dem Ergebnis: Es war meine Lehre zum Industriekaufmann. Warum? Zwei Gründe will ich nennen:

Erstens: Im Gegensatz zum Praktikum durchlaufen Auszubildende (früher: Lehrlinge) mehrere betriebliche Bereiche. Bei mir waren es nacheinander Einkauf/Materialwirtschaft, Rechnungswesen, Buchhaltung, Versand, Vertrieb, Export, Personal und Marktforschung. In jeder Abteilung blieb man drei Monate. Hinzu kam ein Werksunterricht mit Buchführung, kaufmännisch Rechnen und Betriebslehre sowie Rechnungswesen.

Zweitens: Ich selber habe während meiner Lehrzeit mehr gelernt und mehr für mein späteres berufliches Leben mitgenommen als in meinem gesamten, nachfolgenden BWL-Studium. Das gilt insbesondere für meine Erfahrungen mit den besonderen Verhaltensweisen, Empfindungen, Emotionen und Einstellungen der Personen im Betrieb – Erfahrungen, die man in keinem Lehrbuch nachlesen kann.

Aber es gibt noch weitere gute Gründe, warum ich auch heutzutage jungen Leuten, die ja häufig direkt nach dem Abitur noch orientierungslos sind, vor dem Studium zunächst eine Lehre empfehle.

Durch eine Lehre direkt nach dem Abitur ließe sich die hohe Abbruchquote insbesondere bei den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen deutlich verringern. In der Lehre erkennen die Auszubildenden, ob sie sich für ein anschließendes Studium in diesem Berufsfeld eignen oder nicht. Und selbst im negativen Fall wäre eine betriebliche Ausbildung auch immer eine gute Grundlage für die Führung eines Handwerksbetriebes oder ähnliches.

Schließlich könnten die Pflichtpraktika, die ja in einigen Branchen nicht oder nur unzureichend vergütet werden, ersatzlos wegfallen. Das hätte den Vorteil, dass es nur noch freiwillige Praktika gäbe, die dann in jedem Fall entsprechend honoriert werden.

Hinzu käme, dass die Personalabteilungen auch inhaltlich bei der Aufstellung einer zweijährigen Ausbildungsplanung mit unterschiedlichen Unternehmensabteilungen ein Aufgabenfeld vorfinden würden, dass deutlich über die allgemeine Praktikumsbetreuung hinausgehen würde.

Um die Vorteile einer Lehre unmittelbar nach dem Abitur voll ausschöpfen zu können, müsste allerdings die Dauer der Lehre für Abiturienten von drei auf zwei Jahre verkürzt werden.

Fazit: Sicher, die damalige Zeit lässt sich mit der heutigen nur noch bedingt zu vergleichen. Auch kommt mein Vorschlag ausschließlich aus kaufmännischer Sicht. Wie sieht es bei der gewerblichen Ausbildung oder im IT-Bereich aus?

2 Kommentare

  1. Falscher Ansatz: es sollten nur diejenigen Abitur machen, die auch studierfähig sind, also viel weniger als die Hälfte eines Jahrgangs. Außerdem sind die Phantasie-Abinoten auf ein normales Maß zurückzuführen, Durchschnitt unter 2,5. Ich habe 1969 Abi gemacht, da waren wir wohl 4 oder 5 mit Prädikat „Auszeichnung“ im Jahrgang, ich hatte aber 2 Zweien dabei. Ich glaube, bei uns hatte keiner 1,0. Meine Erfahrungen aus einer Betriebsschlosserlehre möchte ich auch nicht missen, die prägte wirklich viel stärker als das Studium (Mathematik), aber es waren auch andere Zeiten. Heute sollte ein Ausbildungsgang genügen, die Absolventen werden sowieso immer später fertig, bevor sie richtig im Berufsleben einsteigen.

  2. Vielen Dank Herr Singer für diesen wichtigen Hinweis. Ich kann Ihrem Einwurf nur zustimmen und dabei auf einen früheren Blog-Betrag von mir hinweisen, der diesen Aspekt besonders beleuchtet: https://lippold.bab-consulting.de/produzieren-wir-zu-viele-bwler
    „Handwerksbetriebe und technisch ausgerichtete Klein- und Mittelunternehmen suchen händeringend nach praktisch ausgebildeten Nachwuchskräften – Groß- und Mittelunternehmen können sich dagegen der Bewerberflut in kaufmännischen Bereichen kaum erwehren. Es ist schon absurd, wenn sich diejenigen jungen Menschen mit der vermeintlich höheren Ausbildungsstufe auf dem Arbeitsmarkt hinten anstellen müssen, wo hingegen praktisch ausgebildete Fachkräfte mit Kusshand genommen werden.“
    Das ist nämlich das Ergebnis, wenn wir nur noch Abiturienten produzieren …

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