Wie wichtig ist der Ruf meiner Hochschule für die eigene Bewerbung?

Achten Recruiter darauf, wo man studiert hat? Entscheidet der Ruf der Hochschule wirklich über den späteren Job? Befragungen zu diesem Thema zeigen ein höchst unterschiedliches Bild. Zwei  Beispiele: Nach der Umfrage des Research ­Unternehmens CRF Institute bei den Top-Arbeitgebern Deutschlands, liegt „Art und Standort der Hochschule“ hinter „Persönlichkeit“, „Kommunikationsfähigkeit“ und „Praktische Erfahrung“ an vierter Stelle der Einstellungskriterien beim Bewerbungsgespräch. Dagegen zeigt die die Studie JobTrends Deutschland 2016, dass im Schnitt nur für acht (!) von hundert Arbeitgebern der gute Ruf einer Hochschule besonders relevant ist.

Doch wer befeuert eigentlich diesen augenscheinlichen Mythos, dass ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an einer Top-Hochschule die Chancen auf den Traumjob erhöht? Und was sind dann die vermeintlichen Top-Hochschulen?

Überforderte Recruiting-Abteilungen

Da sind zunächst einmal die DAX-Konzerne und auch die Unternehmensberatungen, die die Reputation der Hochschule immer noch gerne als Auswahlkriterium heranziehen. Das hängt wohl ursächlich mit der Entwicklung und Struktur der deutschen Hochschullandschaft zusammen:

In Deutschland gibt es derzeit insgesamt 424 Hochschulen, darunter 107 Universitäten und 213 Fach­hoch­schulen (siehe Abbildung). Unter den Hochschulen gewinnen die priva­ten Institutionen seit der Bologna-Reform zunehmend an Bedeutung. So haben sich die nichtstaatlichen Universitäten seit 1990 auf 23 Institutionen nahezu verdoppelt und die Anzahl der privaten Fachhochschulen ist von 21 um mehr als das Fünffache auf 113 gestiegen. Angesichts dieser Flut an Univer­sitäten und Fachhochschulen zeigen sich viele Recruiting-Abteilungen überfordert. Daher sind viele Recruiter dazu über­gegangen, ihre High Potentials eher an Universitäten und weniger an Fachhochschulen zu suchen.

Exzellenz zielt nicht auf Lehre ab

Und dann sind es die Universitäten selbst, denen ihr Leitbild, ihr Status und vor allem ihr Image sehr wichtig ist und die damit den Mythos festigen. Für die Wirtschaftswissenschaften werden hier immer wieder die LMU und TU München sowie die Universität Mannheim zuerst genannt genannt. Hinzu kommt seit 2005 die Exzellenzinitiative, die 13 ausgewählte Universitäten mit Millionenbeträgen fördert. Dies sind neben den drei Berliner und den beiden Münchener Universitäten die RWTH Aachen, die Universitäten in Bonn, Tübingen, Hamburg, Konstanz und Heidelberg sowie die Technischen Universitäten in Dresden und Karlsruhe. Allerdings muss der Elite-Gedanke unter dem Aspekt des Recruitings doch stark relativiert werden, denn Exzellenz zielt ja vor allem auf die Qualität der Forschung, weniger auf die der Lehre ab.

Universitätsbotschafter als Katalysator

Viel entscheidender ist vielmehr, dass viele personalsuchende Unternehmen bei ihrem Hochschulmarketing auf Zielhochschulen setzen. Das sind die Hochschulen, die ihrer Erfahrung nach die besten Absolventen hervorbringen. Dazu ernennen sie sogenannte Universitäts­botschafter, die zu den jeweiligen Lehrstühlen Kontakt halten und direkt auf dem Campus Karriere-Lunches veranstalten und Wochenendworkshops, Sommerakademien (jeweils mit entsprechenden Case-Studies) oder Firmenkontaktmessen organisieren. Damit ist für die Studierenden die Wahrscheinlichkeit, mit einem potenziellen Arbeitgeber schon während des Studiums in Kontakt zu kommen, wesentlich größer. Ist der Kontakt der Hochschule und der Professoren zur Wirtschaft gut, profitieren also auch die Studierenden. Vermittlungen für Praktika und Förderungen für Master- oder Bachelor-Arbeiten können Türöffner für den ersten Job sein.

Vorteil der „Privaten“

Gerade die privaten Hochschulen haben genau diese Vorteile schon früh erkannt und den Kontakt zu den Unternehmen zusehends intensiviert. Heute gehören die WHU in Vallendar bei Koblenz, die Mannheim Business School, die EBS in Oestrich-Winkel bei Wiesbaden oder die ESCP in Berlin zum auserwählten Kreis privater Hochschulen, die als besonders erfolgversprechend für den Führungsnachwuchs gelten. Unternehmen als Förderer oder Stifter dieser Hochschulen kooperieren sehr eng und rekrutieren die abschlussnahen Studierenden direkt vom Campus weg.

Diesen exklusiven Service können Absolventen weniger bekannter Hochschulen allerdings nicht in Anspruch nehmen. Solche Bewerber und Bewerberinnen sollten mit Persönlichkeit, Engagement, Praktika, Auslandssemestern und den passenden Zusatzqualifikationen punkten.

Fazit: An einer Hochschule mit hervorragendem Ruf studiert zu haben ist allein überhaupt kein Argument für weiter gehendes Interesse des potenziellen Arbeitgebers. Das wichtigste Argument für jeden Arbeitsgeber ist die eigene Persönlichkeit!

Mehr dazu in meinem Buch “Personalmanagement und High Potentials”:

   

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